Man trifft auf Menschen in ähnlichen Situationen

Interview mit der Selbsthilfevereinigung DCCV

Das Interview wurde mit Dr. Martina Groß und Olivia Hahn von der Selbsthilfevereinigung Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV e.V.) geführt.

Die DCCV wurde dabei exemplarisch ausgewählt. Eine Übersicht über alle bundesweit aktiven Selbsthilfen bietet www.schon-mal-an-selbsthilfe-gedacht.de.

Was sind die häufigsten Probleme, mit denen sich Jugendliche und junge Erwachsene an Sie wenden?

MG: Zentral sind vor allem Probleme in der Akzeptanz sowie im Umgang mit der Erkrankung. Dabei stehen Gefühle wie Hilflosigkeit und Wut im Mittelpunkt. Weitere Inhalte sind vor allem Schulprobleme (Angst, anders zu sein und aufzufallen; Klausuren müssen wegen Krankheit nachgeschrieben werden); das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden (Lehrer beschweren sich über häufiges Fehlen, Mitschüler machen sich lustig) sowie Probleme mit Eltern (Überbehütung), in der Freizeitgestaltung (Hobbys wahrnehmen) und Fragen zum Umgang mit Freunden (wem erzähle ich von meiner Erkrankung). Als belastend wird oftmals auch die regelmäßige Medikamenteneinnahme geschildert. Zudem stehen bei Jugendlichen Sorgen hinsichtlich der Partnerwahl und Fragen zur Sexualität im Vordergrund.

Wo können junge Leute bei Ihnen Hilfe finden?

MG: Junge Betroffene nutzen in der DCCV den Teens-Chat oder nehmen an den Jugendfreizeiten und Treffen der Youngster- und des StudiCED’s teil.

 Chatberatung: Für Jugendliche mit einer CED gibt es in der DCCV eine Onlineberatung (per E-Mail oder im Chat). Ziel ist es, Jugendliche darin zu unterstützen, die Erkrankung zu akzeptieren sowie angemessen mit krankheitsbedingten Einschränkungen umzugehen. Zudem gibt es alle 6 Wochen einen moderierten Gruppenchat zu unterschiedlichen Themen (z.B. Eltern, Schule, Sport).

 Wochenendtreffen: Zweimal jährlich werden bundesweit jeweils betroffene Jugendliche und junge Heranwachsende zu unseren Youngster- und StudiCED-Treffen eingeladen. Diese finden an einem Wochenende, meist in Jugendherbergen statt. Neben der Wissensvermittlung zum Krankheitsbild steht der gegenseitige Austausch untereinander im Vordergrund.

Sind Selbsthilfevereinigungen auch etwas für junge Menschen? Was können sie für junge Menschen leisten?

OH: Jeder – egal ob jung oder alt – hat schon einmal die Erfahrung gemacht, mit einer heftigen Situation konfrontiert zu werden, mit der er sich hilflos und allein gefühlt hat. Viele Menschen empfinden es dann als hilfreich, anderen davon zu erzählen und das Problem dadurch zu teilen. Besonders fruchtbar ist es, wenn sie dabei auf Menschen treffen, die das Problem aus eigener Erfahrung kennen, weil sie sich denen nicht zu erklären brauchen und diese leichter Verständnis für die Sorgen und Nöte aufbringen.

In Selbsthilfegruppen werden Themen und Probleme besprochen, die jeden Menschen betreffen können – ob jung oder alt. Bei den Gruppentreffen erhalten junge Menschen weiterführende Informationen und lernen Gleichbetroffene kennen, mit denen sie Freundschaften schließen und sich über Fragen austauschen, wie „Welchem Arzt kann ich vertrauen?“, „Wann erzähle ich meinem Freund/meiner Freundin von der Erkrankung?“ oder „Wie gehe ich im Alltag mit der Erkrankung um?“. Rund 3 Millionen Menschen sind in Deutschland in Selbsthilfegruppen organisiert – unter ihnen auch junge Leute, aber es könnten noch viel mehr sein.

In Selbsthilfeorganisationen tun sich gleichbetroffene Menschen innerhalb eines Bundeslandes oder wie im Fall der DCCV in ganz Deutschland zusammen. Die Selbsthilfeorganisation vertritt deren Interessen durch Aufklärungsarbeit (z.B. an Schulen) und öffentlichkeitswirksame Maßnahmen sowie durch die Beteiligung an Forschungsprojekten. Selbsthilfeorganisationen leben vom Engagement junger Menschen, die in Arbeitskreisen, wie z.B. dem AK Youngster der DCCV, in Landesverbänden oder dem Jugendausschuss mitarbeiten.

Vielen Dank für das Interview!