Alleine leben: Wie geht es nach dem Auszug von Zuhause weiter?

Hotel Mama oder eigene 4 Wände?

Bald ist es soweit und du wirst ein Studium oder eine Ausbildung beginnen. Dieser große Schritt geht meist mit einer zweiten großen Veränderung einher: Du willst von zu Hause ausziehen und auf eigenen Füßen stehen. Endlich in den eigenen vier Wänden, endlich deine Freiheit genießen, endlich alleine entscheiden, was du willst. Doch mit dieser Veränderung sind auch weniger angenehme Dinge verknüpft: Von nun an bist du selbst für dich und deinen Haushalt verantwortlich. Pflichten wie Einkaufen, Kochen und Putzen liegen nun alleine bei dir. Hinzu kommt, dass du im Vergleich zu anderen jungen Erwachsenen (spätestens) mit dem Auszug dein Krankheitsmanagement selbst übernehmen musst. Vielleicht hast du daher Zweifel, ob du diesen Schritt tatsächlich wagen sollst oder lieber noch ein bisschen die Vorzüge des „Hotel Mama“ genießen willst, bist du dich sicherer fühlst. Auch das ist in Ordnung: Finde deinen eigenen Zeitplan!

Mach dir klar, was es bedeutet "Auszuziehen"

  • Abnabelung von den Eltern, Schritt in die Selbstständigkeit & Unabhängigkeit 
  • Übernahme von vielen Pflichten und Aufgaben wie Einkaufen, Kochen, Waschen, Putzen usw. 
  • Welche Wohnform ist für mich am besten geeignet: Wohngemeinschaft, alleine wohnen oder mit dem Freund/der Freundin?  
  • Wie finanziere ich meine Wohnung? Reicht das Geld? Habe ich Anspruch auf BAföG oder andere Zuschüsse? Muss ich einen Nebenjob annehmen? 
  • Traue ich mir zu, mich alleine um meine Krankheit zu kümmern, d.h. Arztbesuche planen, immer Medikamente und Hilfsmittel da haben, an die Medikamente und die Durchführung weiterer Therapien denken etc.? Sind akute Notfälle möglich?  Braucht es dafür “Sicherheitsmaßnahmen”?

Beispiel 1: Jakob ist 20 Jahre alt und hat Diabetes Typ 1. Nach dem Abitur ist er für sein Geographie-Studium von Lübeck nach Hamburg gezogen und wohnt dort seit ein paar Monaten in einer 1-Zimmer-Wohnung. Die neue Stadt, das Studium und vor allem das Alleinleben mit seinen ganzen Freiheiten gefallen ihm richtig gut. Er macht Sport, hat viele neue Leute kennengelernt und geht häufig auf Partys. Über diese Aktivitäten hat er schon oft seinen Diabetes vergessen, so dass seine Blutzuckerwerte in letzter Zeit nicht immer optimal waren. Da ihn die Fragen und Ermahnungen seiner Mutter nerven, geht er teilweise nicht ans Telefon wenn seine Eltern anrufen und ruft auch nicht zurück. Am Wochenende hat ihn ein Magen-Darm-Virus erwischt. Er hat Brechdurchfall und liegt schon seit 2 Tagen mit Fieber im Bett. Bei seinen Eltern möchte er nicht anrufen um sich keine Blöße zu geben, weiß aber allein nicht mehr weiter.

Beispiel 2: Nach ihrem Abi hat Leonie einen Ausbildungsplatz in einer Werbeagentur in Düsseldorf ergattert – 300 km von ihrer Heimatstadt entfernt. Leonie hat schweres Asthma, das sie jedoch gut im Griff hat. Trotzdem ist es für Leonie und ihre Eltern ein großer Schritt, als sie von zu Hause ausziehen will. Besonders ihre Mutter machte sich Sorgen, dass Leonie ihre Krankheit vernachlässigen könnte. Auch die Angst vor einem akuten Asthmaanfall ist für sie ein großes Problem: „Was ist, wenn du irgendwann in der Wohnung liegst und keiner weiß, was mit dir ist?“ Leonie konnte zunächst die Sorgen ihrer Eltern nicht nachvollziehen und war genervt von den, ihrer Meinung nach, übertriebenen Sorgen. Durch Gespräche mit anderen verstand Leonie aber, dass sie einen Schritt auf ihre Eltern zugehen muss. „Sie wollen schließlich nur das Beste für mich!“ So führten Leonie und ihre Eltern ein Gespräch, in dem alle offen und ehrlich ihre Sorgen äußerten und gemeinsam nach Lösungen suchten. Nach diesem Gespräch entschloss sich Leonie, in eine WG zu ziehen, damit sie in der fremden Stadt nicht ganz so alleine ist. Das beruhigte ihre Eltern. Insbesondere nachdem sie beim Umzug ihre Mitbewohner kennen lernten. „In der WG komme ich super klar. Ich habe schon viele neue Freunde gefunden. Mit meiner Krankheit gehe ich offen um, und ich sorge immer dafür, dass ich ausreichend Medikamente zu Hause habe. Mit meinen Eltern habe ich feste Telefonzeiten vereinbart. So sind alle Seiten zufrieden und ich kann meinen Auszug genießen!“

Welche Vor- und Nachteile haben die verschiedenen Wohnformen?

WohnformVorteilNachteil
StudentenwohnheimAnschlussmöglichkeit in neuem Umfeld
Kostengünstig
Möblierte Zimmer
Erhöhter Stress durch viele Personen
Lange Wartelisten
Erhöhter Lärmpegel Gemeinschaftsduschen und –küchen
Wohngemeinschaft (WG)Man ist in der neuen Umgebung nicht alleine
kostengünstig
Ggf. Unterstützung beim Krankheits­management und bei Notfällen
Gemeinsame Verantwortung für die Haushaltspflichten
Spaß & Partys
Rückzugsmöglichkeit begrenzt
Ungewissheit, ob die „Chemie untereinander stimmt“
Fraglich, ob sich jeder Mitbewohner an die Pflichten hält
Gemeinschaftsbad und -küche
Gemeinsame Wohnung mit dem PartnerFestigung der Partnerschaft
Teilen von Verantwortung und Kosten
Partner ist das Krankheitsbild bekannt
Wertvolle Unterstützung und Orientierung
Erneut nur eingeschränkte Freiheit
Erhöhtes Konfliktpotential zwischen den Partnern
Starke Fokussierung auf eine Bezugsperson
Ungewissheit bei Trennung der Partner
Eigene WohnungHinzugewinn von Selbstständigkeit
Großes Maß an Selbstbestimmung
Rückzugsmöglichkeit nur für sich
Auf sich alleine gestellt sein
Keine Unterstützung beim Krankheits- und Notfallmanagement
Keine Unterstützung bei der Erledigung von Pflichten
Schwierigkeiten, eine bezahlbare Wohnung zu finden

Betreutes Wohnen

Für chronisch Kranke gibt es teilweise spezielle Wohnangebote, so z.B. betreute WGs für junge Menschen oder ein betreutes Wohnen in den eigenen 4 Wänden. Häufig findet man Wohngruppen für bestimmte Erkrankungen. In diesen WGs existiert dann eine besonders gute Anbindung an ein Krankenhaus, ein psychologisches Institut oder es gibt einen zuständigen Sozialpädagogen/ Psychologen. Wenn eher körperliche Probleme im Vordergrund stehen, hilft eine Pflegkraft. Betreuer unterstützen die Bewohner im Alltag und sind Ansprechpartner bei Problemen.

Wenn du dich für betreutes Wohnen interessierst, schau doch mal beim  A-Z nach.

 

Vereinbarungen mit den Eltern

Auch für Eltern ist dies eine besondere Zeit, die häufig von Sorgen und Bedenken geprägt ist. Bei schwerwiegenden Erkrankungen oder Erkrankungen mit akut lebensbedrohlichen Zuständen wie Asthma, Diabetes oder Epilepsie ist die Angst der Eltern, die Kontrolle abzugeben, gut nachvollziehbar. Aber auch bei weniger dramatischen Gefahren sorgen sich Eltern. 

In solchen Fällen ist es sinnvoll, ein gemeinsames Gespräch zu führen, in dem jeder offen seine Bedenken und Wünsche äußert. Mit etwas gutem Willen auf beiden Seiten findet ihr bestimmt eine Lösung. Manchen Familien hilft es beispielsweise, wenn sich der Jugendliche einen Monat lang ganz allein um seine Erkrankung kümmert – ohne Erinnerungs- und Kontrollfragen der Eltern. Nach dieser Zeit hat der junge Mensch meist viel dazugelernt und die Eltern sind häufig überrascht,  wie gut es ihr Kind alleine kann. Das Loslassen fällt ihnen dann leichter.

Hilfreiche Tipps für den Auszug

  1. Sprich mit deinen Eltern über den Auszug und damit verbundene Ängste. Trefft gemeinsam Vereinbarungen, damit deine Eltern sich keine Sorgen um dich machen müssen. Versucht, euch in die Situation des jeweils anderen hineinzuversetzen und offen und ehrlich miteinander umzugehen. Zeige deinen Eltern, dass du dir über mögliche Risiken Gedanken gemacht hast. Auch andere Zugeständnisse helfen, wie z.B. regelmäßige Telefonate oder WhatsApp-Nachrichten in der Anfangszeit.
  2. Insbesondere in Studentenstädten ist es schwierig eine kleine, günstige Wohnung zu finden, einfacher findet man ein WG-Zimmer. Man sollte sich überlegen, worauf man Wert legt und worauf man am ehesten verzichten kann. Fang frühzeitig mit der Suche an (z.B. in der regionalen Tageszeitung, im Internet, am schwarzen Brett in der Uni, durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder bei Baugenossenschaften).
  3. Kläre mit deinem Arzt mögliche Fragen bezüglich des Krankheitsmanagements. Weißt du alles Notwendige über deine Krankheit? Weißt du, welche Maßnahmen im Notfall nötig sind? Wenn du in eine andere Stadt ziehst, brauchst du vermutlich auch einen neuen Arzt (s. Arztwechsel).
  4. Suche dir Freunde oder Nachbarn am neuen Wohnort, die im Alltag für dich da sind und an die du dich bei Bedarf wenden kannst (z.B. Hinterlegen eines Zweitschlüssels zu deiner Wohnung).
  5. Ein Haushaltsbuch kann am Anfang sinnvoll sein, um deine Ausgaben im Auge zu behalten (z.B. unter www.haushaltsbuch.org oder www.geldundhaushalt.de/Ratgeber/Planungshilfe/Haushaltsbuch.html. Denke daran, wie viele Ausgaben im Laufe eines Monats auf dich zukommen (auch in Bezug auf deine Medikamente und Hilfsmittel) und lege eine kleine Reserve für Unvorhergesehenes zurück.