Interview mit einer Bodypainterin

"Farben für die Seele" Bodypainterin Heike Montreal

Heike Montreal ist freiberufliche Bodypainterin,
gelernte Heilpädagogin und Kinderkrankenschwester.
Mit ihrer therapeutischen Körpermalerei werden Narben weniger als Makel,
sondern als zu mir gehörend in einem neuen Körperbild erlebt.

http://www.bodypainting-montreal.de

Frau Montreal, Sie sind gelernte Kinderkrankenschwester. Haben Ihre beruflichen Erfahrungen Ihre Kunst beeinflusst und in welcher Hinsicht haben sie das getan?

Für eine optimale Genesung ist neben der medizinischen Therapie das Wohlbefinden als fördernd und beschleunigend anerkannt. So kann zum Beispiel die Mitaufnahme der Eltern (bei Kindern) zur emotionalen Stabilität beitragen.

Als Kinderkrankenschwester und Heilpädagogin habe ich das Konzept „Farben für die Seele“ entwickelt. In meiner langjährigen therapeutischen Arbeit hat sich gezeigt, dass Farben am Körper das seelische Gleichgewicht positiv beeinflussen können. Sie stellen eine Ergänzung zur medizinischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen im Krankenhaus dar. Ich biete ihnen durch Farben und Bemalung auf Händen, Füßen und Gesichtern Ausdrucks- und Verarbeitungsmöglichkeiten ihrer Krankengeschichte an.

Was bedeutet therapeutische Körpermalerei?

Ich gestalte meine Arbeit so, dass ich zunächst Gespräche mit den Menschen führe. Dabei äußern sie Wünsche und Phantasien. Hier finden die momentanen Emotionen einen Weg. Der Prozess der einfühlsamen Bemalung erzielt somit eine emotionale und sichtbare  Wirkung. Das Zulassen von Berührung von Pinsel und Schwamm ganz nach den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen löst oft bereits starke Gefühle aus. Hier findet ein besonderer Moment der Begegnung zwischen äußerer und innerer Berührung statt.

Es findet kein „Überschminken“ statt, visuelle Effekte sind nebensächlich. Trotz der Krankenhausatmosphäre entsteht ein Raum, die Phantasie lebendig werden zu lassen. Ungelebte Teile der Persönlichkeit können erwachen und sie können zum Beispiel die Kraft eines Tigers für sich spüren. Gesichtszüge in bunten Farben wiederentdecken bedeutet auch, ein Stück dem Klinikalltag entfliehen und neue Freude und Energie erleben. Kranken Körperstellen wird dabei besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Durch das Aufmalen eines Identifikationssymbols, z. B. ein Delphin, der um eine Narbe schwimmt, bekommt der Genesungsprozess eine Perspektive. In der Vorstellung des Betroffenen hilft der Delphin beim Heilen. Auf diese Weise wirkt das äußere Bild nach innen.

Durch das selbstbestimmte eigene Aussehen entsteht: Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit, Selbstvertrauen und Stärke, ein positives Körpergefühl und Lebensfreude. Der häufig mit Schmerzen und unangenehmen Erlebnissen verbundene Klinikaufenthalt bringt auf diese Weise angenehme Gefühle in Erinnerung.

Was gehört zu den schönsten Erfahrungen, die Sie bei Ihrer Arbeit gemacht haben?

Da gibt es einige sehr schöne Erfahrungen. Es gab Kinder auf der onkologischen Station, die mir beim Abschied zuriefen: „Nächste Woche habe ich auch endlich eine Glatze zum Bemalen“. Oder dass Kinder einen Tag länger im Krankenhaus bleiben wollten, um meine Bemalung nicht zu verpassen. Oder dass Menschen, die ihren Körper gar nicht anschauen wollten, plötzlich Fotografien von sich selbst toll fanden und in der eigenen Wohnung aufhängen wollten.

Seit kurzem sind Sie auf dem Gebiet der Stomakunst tätig (Ein Stoma ist ein künstlicher Darmausgang). Hatten Sie oder Ihre Patienten anfangs Berührungsängste?

Ich war gespannt und neugierig und die PatientInnen ebenso. Die erste Stomaträgerin war Anja Dillmann, die Autorin des Buches „Stoma na und?“. Anja hat mir durch ihren selbstverständlichen Umgang mit ihrem Stomabeutel geholfen, Unsicherheiten beiseite zu legen.

Welchen Rat können Sie jungen Menschen geben, mit den “kleinen Macken“, die ihre Erkrankungen mit sich bringen, umzugehen?

Das ist eine schwere Frage. Jeder Mensch ist anders und wenn eine „kleine Macke“ stört, dann ist sie für den Betroffenen nicht klein. Eine Möglichkeit ist, mit vertrauten Personen zu reden. Ein Versuch kann sein, die Stelle genau zu betrachten und aufzuschreiben, was mir zu der Stelle einfällt oder auch was mich stört. Eventuell mit der Macke zu leben und überlegen, ist die Macke einzigartig? Was sagt sie mir? Eine weitere Möglichkeit kann sein, sich selbst bemalen oder sich bemalen lassen im geschützten Rahmen.

Welche Rolle spielt  die gesunde Seele für die Schönheit und Gesundheit eines Menschen?

Was bedeutet Gesundheit? Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Was bedeutet Schönheit? Das ist für jeden Menschen unterschiedlich. Die Seele ist ja die Gesamtheit dessen, was das Fühlen, Empfinden und Denken eines Menschen ausmacht. So kann eine bemalte Glatze als etwas sehr Schönes in meiner Seele nachwirken.

Was ist Ihre Definition von Schönheit?

Für mich ist Schönheit eine Frage der Ausstrahlung. Es ist sichtbar, wenn Menschen sich in ihrer Haut wohlfühlen und ihren Körper mögen. Schönheit ist für mich auch, wenn ich Lebensfreude spüre, ein Funkeln oder Strahlen sehe.

Haben Sie selbst Stellen an Ihrem Körper, die Ihnen nicht gefallen?

Es hängt von meiner jeweiligen Verfassung ab, ob ich mich kritisch oder wohlwollend betrachte.

Danke für das Interview.

Fotos: copyright Heike Montreal