Unser Sohn hat ADHS

Eigentlich hätte mir in der Schwangerschaft schon klar sein müssen, dass Marc ein besonderes Kind ist. Spätestens mit der Einschulung wurde aber deutlich, dass er aktiver war als andere Kinder, sich nicht so gut konzentrieren konnte, leicht ablenkbar war und teilweise leider auch aggressiv gegenüber anderen. Seine Lehrerin legte mir nahe, überprüfen zu lassen, ob er ADHS hat. Die Diagnose wurde dann auch vom Arzt bestätigt. Zunächst versuchten wir es mit Ergotherapie, Psychomotorik, viel Bewegung, festen Tagesplänen und und und. Da der Erfolg gering war, haben wir uns irgendwann dann doch schweren Herzens zu dem Medikament Ritalin durchgerungen. Die schulische Besserung war spürbar, aber auch die Wesensänderung. Mein sonst so lebhafter, lustiger, kreativer Sohn war jetzt häufig sehr ruhig, teilweise fast lethargisch und depressiv. Mit 15 Jahren hat er dann das Medikament von sich aus abgesetzt. Mein Mann und ich waren natürlich nicht begeistert. Wir haben ihm ins Gewissen geredet und immer wieder mit ihm diskutiert. Aber er blieb dabei. Er wollte sich vor seinen Freunden nicht rechtfertigen müssen, wenn er die Medikamente nahm, und fühlte sich durch das Ritalin fremdbestimmt. Was hätten wir tun sollen? Ihn in die Psychiatrie einweisen? Uns blieb nur das Aushalten. Häufig musste ich sehr stark an mir arbeiten, um ruhig zu bleiben.

 Seine Schul- und Berufsausbildung hat er natürlich versiebt. Als er merkte, dass er die Ausbildung zu seinem Traumberuf nicht schaffen würde, hat er ein halbes Jahr vor der Prüfung noch mal mit Ritalin angefangen. Aber in 6-7 Monaten kann man nicht das nachholen, was man 6-7 Jahre vorher versäumt hat. Er ist dann umgeschwenkt und hat eine andere Ausbildung gemacht und glücklicherweise auch mit „Ach und Krach“ geschafft.

 Nach dem Abschluss ist er in eine andere Stadt gezogen, weil ihm dort eine Arbeitsstelle angeboten wurde. Er arbeitet mittlerweile sehr gerne in seinem Job, eckt aber dort und auch in der Partnerschaft teilweise wegen seiner Impulsivität an. Medikamente nimmt er schon lange nicht mehr und zum Arzt geht er auch nicht. Aber das sind seine Probleme, er ist erwachsen. Die 200 km zwischen uns helfen mir, das Ganze gelassener zu sehen.
Letztes Jahr hat er geheiratet. Er und seine Frau wollen Kinder haben. Dass diese auch ADHS haben könnten, nehmen sie in Kauf.