Eltern, Alkohol und Diabetes

Erwachsenwerden ist nicht leicht. Alles verändert sich. Der eigene Körper, die Freunde, das Verhältnis zum anderen Geschlecht und vor allem das Verhältnis zu den Eltern. Man probiert Neues aus, sammelt Erfahrungen und stellt sich Herausforderungen, die einen zum Teil noch überfordern. Blöd ist es, wenn man sich dann zu allem Überfluss auch noch mit seinem Diabetes herumschlagen muss. Für andere ist es schon eine echte Herausforderung, Alkohol zu trinken, ohne dabei komplett abzustürzen und, du als Diabetiker musst dir zusätzlich auch noch Gedanken machen, was das Ganze mit deinem BZ anstellt. Deine Freunde diskutieren mit ihren Eltern darüber, ob sie abends weggehen dürfen, und du musst dir eine Predigt anhören, weil du mal wieder keine Lust hattest, deinen Blutzucker zu messen.

Nun aber erst einmal zur ersten großen Veränderung, wenn man erwachsen wird: das Trinken von Alkohol. Irgendwo ist immer ein Fest, eine Familienfeier, ein Geburtstag oder eine private Party bei Freunden. Man bekommt vielleicht ein Glas Sekt angeboten oder probiert heimlich mal ein Bier oder sogar Schnaps. Ich habe schnell gemerkt, dass es für meine Freunde und Klassenkameraden wichtig war, wie viel sie getrunken haben, was sie getrunken haben und wie cool es offensichtlich war, sich zu betrinken. Natürlich wollte ich das auch alles ausprobieren, aber ich wusste auch, dass ich wegen meines Diabetes eben nicht nur aufpassen muss, was der Alkohol mit mir macht, sondern auch mit meinem Blutzucker.

Ein Freund hat erzählt, dass sein Bruder wegen seines Diabetes gar keinen Alkohol trinkt. Wenn du keine Lust hast, Alkohol zu trinken, ist das natürlich total in Ordnung, der Diabetes muss aber kein Grund dafür sein. Ich habe mich einfach langsam an das Trinken von Alkohol herangetastet. D.h. erst einmal ausprobiert und wenig getrunken, um zu schauen, was mit meinem Blutzucker passiert, und vor allem, um körperlich und geistig noch in der Lage zu sein, zu reagieren, falls irgendetwas Unvorhergesehenes passiert. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Wenn irgendjemand einen blöden Kommentar gebracht hat, von wegen ich würde ja gar nicht trinken, dann bin ich einfach ganz offen damit umgegangen und habe gesagt, warum ich so wenig trinke. Mittlerweile weiß ich ziemlich gut, wie mein Blutzucker reagiert, wenn ich Alkohol trinke und ich hatte noch nie eine schwere Hypo nach dem Feiern.

Ich würde dir empfehlen, einfach erst einmal auszuprobieren und zu schauen, wie dein Blutzucker reagiert, wenn du Alkohol trinkst. Du solltest dir bewusst sein, dass dein Blutzucker zuerst ansteigt, wenn du z.B. Bier, Mixgetränke oder Cocktails trinkst. Später geht er dann aber runter. Deswegen würde ich dir raten, für die Kohlenhydrate in Bier, Säften oder Softdrinks, die du mit Alkohol gemischt trinkst, kein Insulin zu spritzen und dann zu gucken, wie deine Werte sind. Hypos unter Alkoholeinfluss sind besonders gefährlich, deswegen solltest du da wirklich aufpassen und nicht gleich nervös werden, wenn der BZ-Wert anfangs höher ist.

Ein weiteres  Problem, das ich in meiner Pubertät hatte, waren meine Eltern. Natürlich ist das ein Problem, welches nicht nur Diabetiker, sondern alle Jugendlichen haben. Aber ich bin der Meinung, dass Eltern von Diabetikern noch viel anstrengender sind und deutlich mehr nerven als die Eltern von gesunden Jugendlichen.
Das geht schon beim gemeinsamen Essen los. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob meine Mutter die obligatorischen Fragen: „Hast du schon gemessen?“ und „Hast du schon gespritzt?“ nicht einfach mal weglassen könnte. Klar wusste ich, dass ich das vor dem Essen zu tun habe, aber irgendwie hatte ich manchmal einfach keine Lust oder noch schlimmer, ich wollte eigentlich gerade messen und war dann so genervt von der bloßen Frage, dass ich aus Trotz nicht gemessen habe, obwohl ich wusste, dass das vollkommen unsinnig war.
Klar, du weißt, dass du Diabetes hast. Du weißt auch, dass du regelmäßig messen solltest und immer spritzen musst. Außerdem weißt du natürlich, was passiert, wenn du das nicht machst, weil dein Diabetologe, deine Eltern und am besten noch andere Menschen, die du nie danach gefragt hast, ganz gerne davon erzählen. Aber auch wenn du das alles weißt, hast du manchmal einfach keine Lust, diesen ganzen Kram zu machen. Häufig wird dann gesagt, dass man das doch nicht für den Arzt oder seine Eltern, sondern für sich macht, aber das wollte ich natürlich auch nicht hören.

 Eine ultimative Lösung für diese Probleme habe ich nicht. Das wäre wohl zu einfach. Ich habe meiner Mutter irgendwann einfach gesagt, dass sie aufhören soll, mich ständig mit Fragen zu nerven. Ich habe ihr erklärt, dass ich eher weniger messe, wenn sie ständig fragt, weil ich das einfach anstrengend finde. Danach wurde es besser.
Außerdem musste ich etwas finden, das mich dazu motiviert, meine Therapie einzuhalten, und auch wenn es immer heißt, dass man das für sich und nicht für den Arzt macht, hat es mir persönlich geholfen, öfter als einmal im Quartal zum Diabetologen zu gehen und mein Tagebuch vorzuzeigen. Ich brauchte diese Kontrolle, nicht durch meine Eltern, aber eben durch meinen Arzt. Das funktioniert natürlich nicht bei jedem …
Für dich ist es vielleicht besser, wenn du möglichst auf dich alleine gestellt bist. Möglicherweise hilft es dir auch, wenn du deine Freunde bittest, dir im Falle eines Motivationstiefes einen kleinen Schubs zu verpassen und dich wieder auf die richtige Bahn zu lenken. Oder du suchst dir eine Gruppe von anderen Jugendlichen mit Diabetes, mit denen du dich austauschen kannst. Such einfach irgendeinen Weg, wie du dich wieder motivieren kannst, wenn du einfach mal gar keine Lust hast und dich alles nervt. Dass das passiert, ist total normal, wichtig ist nur, dass du diese Tiefs überwindest und wieder auf die richtige Bahn kommst.

Die gute Nachricht ist: Irgendwann ist die Pubertät vorbei und dann wird vieles einfacher!