Übergabe der Verantwortung

Während der Kindheit lag die Verantwortung für die Behandlung bei Ihnen als Eltern. Sie haben sich um eine gute Therapie bemüht, und Sie haben dafür gesorgt, dass Ihr Kind möglichst unbeschwert aufwachsen konnte. Ihr jugendliches Kind muss nun lernen, ohne diese intensive Betreuung auszukommen. Damit ändern sich auch die Aufgaben für Sie! Studien zeigen, dass sich Jugendliche auch weiterhin die Unterstützung ihrer Eltern wünschen und sie insbesondere in Gesundheitsfragen als wichtigste Berater ansehen. Allerdings wollen sie ihr Leben auch selbst in die Hand nehmen und Dinge allein entscheiden.

Der Prozess des Selbständigwerdens auf Seiten der Kinder geht mit einer schrittweisen Abgabe von Verantwortung auf Seiten der Eltern einher. Natürlich muss jede Familie ihren eigenen Stil und ihre eigene Geschwindigkeit finden, mit der die Verantwortung nach und nach von den Eltern auf den Heranwachsenden übergeht. Manche haben vielleicht schon früh begonnen, andere stehen noch ganz am Anfang. Bei einigen Erkrankungen ist die Therapie sehr komplex und bedarf viel Know-how und Beratung, bei anderen müssen nur einige wenige Regeln eingehalten werden. Einige Kinder sind schon sehr früh selbständig und in der Lage, Verantwortung zu übernehmen, andere sind sehr unzuverlässig oder durch die Erkrankung eingeschränkt. Einigen Eltern fällt es leicht loszulassen, andere wollen die Zügel lange in der Hand behalten.

Übung „Übergabe der Therapieverantwortung“

Wir möchten Sie mit der nachfolgenden Übung bei der Übergabe der Therapieverantwortung unterstützen. Es geht darum, wie der tägliche Therapieaufwand und die Alltagsbelastung durch die Erkrankung bei Ihnen Zuhause derzeit verteilt sind und wie sie zukünftig verteilt werden können.

Bitte denken Sie an typische Aufgaben, wie…

  • … gültiges Rezept für Medikamente, Heil- und Hilfsmittel ausstellen lassen
  • … Rezepte in der Apotheke einlösen und nötige Hilfsmittel beschaffen
  • … Arzt- und andere Behandlungstermine vereinbaren
  • … Fahrten zu den Terminen organisieren
  • … wenn nötig, Krankenhausaufenthalte organisieren
  • … an Untersuchungen und Behandlungen denken und verlässlich durchführen
  • … Nachbereiten der o. g. Maßnahmen wie Wegräumen und Säubern der Materialien
  • … spezielle Nahrungsmittel zubereiten
  • … individuelle Medikamentendosierungen berechnen

Überlegen Sie im 1. Schritt, wer derzeit wie viel Zeit für all diese Behandlungsschritte Ihres Kindes aufwendet. Tragen Sie dafür bei “Zuständigkeiten derzeit” ein, wer ungefähr welchen Anteil (in Prozent %) übernimmt. Achten Sie bitte darauf, dass Sie auf eine Summe von 100% kommen. Beispiel: Mutter 70%, Kind 20%, Vater 5%, Behandlungsteam 5%.

Im 2. Schritt überlegen Sie bitte, ob Sie mit dieser Aufteilung zufrieden sind und ob sie dem Entwicklungsstand Ihres Kindes angemessen ist. Wenn sich etwas verändern soll: Wer soll mehr, wer weniger Aufgaben übernehmen?
Für Ihr Kind ist es wichtig, wenn Sie ihm (seinem Entwicklungsstand angemessene) Aufgaben übertragen. Nur so kann es lernen, Verantwortung für seine Gesundheit zu übernehmen. Sie geben ihm damit die Chance, schrittweise in die Verantwortung „hineinzuwachsen”. Wenn Sie ihm allerdings zu viel auf einmal übertragen, kann das zu Überforderung  führen.
Es kommt, wie auch sonst im Leben, immer auf die richtige Menge und Geschwindigkeit an!

 Wenn in Ihrer Familie derzeit weitgehend eine Person für die Behandlung zuständig ist (vermutlich Sie), denken Sie bitte auch daran, was die Entlastung von den Aufgaben für diese Person bedeuten würde. Ihr blieben dann  mehr Zeit und Energie für andere Lebensbereiche. Vielleicht erlebt sie die Abgabe der Verantwortung aber auch als Kränkung oder Bedrohung, weil sie dann nicht mehr alles unter Kontrolle hat, plötzlich ersetzbar wird oder nicht weiß, was sie stattdessen mit ihrer Zeit anfangen soll (s. auch Abgabe der Verantwortung als Chance).

 Wenn viele  Aufgaben zur  Therapie gehören, und wenn Ihr Kind (derzeit) nur wenig davon übernehmen kann, sollten Sie überlegen, ob es vielleicht weitere Personen innerhalb oder außerhalb der Familie gibt, die stärker in die Behandlung einbezogen werden können. Gibt es eventuell professionelle Hilfen (z.B. ambulante Krankenpflege), die Sie in Anspruch nehmen könnten?

3. Schritt: Wenn Sie nun die zukünftige Verteilung betrachten, welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, welche Gefühle haben Sie? Trauen Sie sich und Ihrem Kind die Übergabe der Verantwortung zu? Was wird Ihnen leicht fallen? Wo sehen Sie die größten Probleme?

 Bitte überlegen Sie, welches die nächsten Schritte auf dem Weg zur Neuverteilung der Zuständigkeiten sind und suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Kind. Besprechen Sie gemeinsam, welche konkreten Aufgaben es übernehmen sollen und welche Maßnahmen notwendig sind, damit Ihr Kind (oder jemand anders) diese Aufgaben übernehmen kann:

  • Fangen Sie mit den leichten Dingen an.
  • Nehmen Sie sich Zeit, die Aufgaben zu erklären und gemeinsam zu üben.
  • Vielleicht hilft Ihnen ein zusammen aufgestellter Plan, in dem festgelegt wird, wer welche Aufgaben bis wann erledigt haben muss.
  • Hilfreicher als Bestrafungen sind Belohnungen. Überlegen Sie zusammen, was Sie machen wollen, wenn die Verantwortungsübernahme gut klappt. Es muss nicht immer Geld kosten! Vielleicht freut sich auch Ihr jugendliches Kind über gemeinsam verbrachte Zeit oder über ein Zugeständnis bei der „Samstag-Abend-Ausgehzeit”.
  • Getroffene Vereinbarungen gelten für beide Seiten: Was dürfen die Eltern machen, wenn der Jugendliche nicht an seine Aufgaben denkt. Aber auch: Was darf der Jugendliche machen, wenn sich die Eltern ungefragt einmischen.

Bitte denken Sie daran, dass der Übergang vom behandelten Kind hin zum eigenverantwortlich handelnden jungen Erwachsenen schrittweise erfolgen muss. Ihr Kind muss erst die notwendigen Kenntnisse, praktischen Fertigkeiten und sozialen Kompetenzen erwerben. Gleiches gilt für die anderen Personen, die Sie eventuell stärker in den Behandlungsprozess einbeziehen wollen. Wenn Sie bisher alles übernommen haben, können andere nicht so viel Übung haben wie Sie! Akzeptieren Sie auch, dass andere Personen, die Aufgabe auf ihre Weise erledigen. Diese weicht vermutlich von Ihrer ab, führt aber trotzdem zum Ziel.

Ein einmal aufgestellter Plan ist nicht unumstößlich. Sie sollten ihn gemeinsam regelmäßigen überprüfen. Leitfragen sind:

  1. Halten sich alle Beteiligten an die Vereinbarungen?
  2. Wenn nein, warum nicht? War z.B. jemand überfordert oder doch nicht überzeugt von der Vereinbarung?
  3. Ist der Plan noch zeitgemäß oder haben sich die Bedürfnisse geändert? Können z.B. weitere Aufgaben und Befugnisse übertragen werden oder sind aufgrund von Veränderungen Anpassungen nötig?

Bei einigen Erkrankungen gibt es spezielle Schulungen für chronisch kranke Jugendliche und ihre Eltern. In einer Gruppe von Gleichaltrigen werden krankheitsrelevante Fertigkeiten trainiert und die Themen besprochen, die für diese Altersgruppe besonders wichtig sind, wie z.B. Berufsplanung, Sexualität und selbständig werden. Wenn Sie sich für eine solche Schulung interessieren, ist Ihnen das Kompetenznetz Patientenschulung  bei der Suche nach einem Anbieter gerne behilflich (Kontakt).